
Die Stille im Haus wird irgendwann durch das erste „Mama“ oder „Papa“ unterbrochen – ein Moment, der unter die Haut geht. Doch der Weg dorthin ist ein faszinierender Prozess, der schon weit vor dem ersten verständlichen Wort beginnt. Viele Eltern fragen sich ungeduldig: Ab wann sprechen Babys eigentlich wirklich? Die Sprachentwicklung ist ein komplexes Zusammenspiel aus Hören, Verstehen und der motorischen Kontrolle über Lippen und Zunge.
In diesem Beitrag erfährst Du, welche Phasen Dein Kind durchläuft und wie Du im Alltag eine Umgebung schaffst, die zum Sprechenlernen einlädt. Die Sprache ist dabei nur ein Teil der spannenden Entwicklungen von Babys im ersten Jahr, in denen sich fast täglich neue Fähigkeiten zeigen.
Inhaltsverzeichnis
Von der Wiege bis zur Wortschatz-Explosion: Die Meilensteine im Überblick
Stell Dir vor, Dein Baby fängt schon an zu „reden“, lange bevor Du überhaupt an das erste Wort denkst! Tatsächlich beginnt die Kommunikation schon im Mutterleib, wenn Dein Kind auf Deine Stimme reagiert. Wusstest Du schon, dass Babys bereits kurz nach der Geburt die Stimme ihrer Mutter von anderen Stimmen unterscheiden können? Sie haben im Mutterleib bereits den Rhythmus und die Melodie Deiner Muttersprache gelernt und bringen dieses Gespür mit auf die Welt.

Doch wie geht es nach der Geburt weiter? Die Entwicklung verläuft meist in Wellen: Erst wird das Verständnis geschult (der sogenannte passive Wortschatz), dann folgt die eigene Produktion (der aktive Wortschatz).
Die spannenden Vorstufen zum ersten Wort
- Schreien als Sprache (0–3 Monate): Am Anfang ist Schreien die wichtigste Form der Kommunikation. Es signalisiert Hunger, Müdigkeit oder das Bedürfnis nach Nähe. Mit der Zeit wirst Du lernen, die verschiedenen Schreie zu deuten – wie kleine Geheimcodes zwischen Dir und Deinem Baby!
- Gurren und Glucksen (ca. 3–6 Monate): Hach, diese süßen, zufriedenen Laute! Dein Baby beginnt, sanfte Vokalgeräusche zu machen und mit dem Speichel Blasen zu bilden. Das sieht nicht nur niedlich aus, sondern ist ein wichtiges Training für die Lippen- und Zungenmuskulatur.
- Lallen und Silbenketten (ca. 6–10 Monate): Jetzt wird’s richtig spannend! Dein Baby beginnt, Silben zu verdoppeln: „ma-ma-ma“ oder „da-da-da“. Das klingt oft schon wie richtige Wörter, ist aber meist noch pures Training für die Stimmbänder. In dieser Zeit beginnt Dein Kind auch schon, Deinen Namen oder ein „Nein“ zu verstehen.
Wann fangen Babys an zu sprechen: Dein Fahrplan durch die ersten zwei Jahre
Jedes Kind schreibt seine eigene Geschichte, doch dieser grobe Fahrplan hilft Dir dabei, Dich zu orientieren:
| Alter | Phase | Was passiert genau? |
| 0 – 3 Monate | Primäre Kommunikation | Dein Baby reagiert auf laute Geräusche und beruhigt sich bei Deiner Stimme. |
| 3 – 6 Monate | Lallperiode 1 | Erste Gurrlaute („ehe“, „uhu“) und spielerisches Experimentieren mit der Stimme. |
| 6 – 10 Monate | Lallperiode 2 | Silbenketten werden geübt. Das Verständnis für einfache Worte wächst rasant. |
| 10 – 14 Monate | Die Einwortphase | Das erste gezielte Wort fällt – oft ein Nomen wie „Ball“, „Auto“ oder „Heiß“. |
| 18 – 24 Monate | Zweiwortsätze | „Papa weg“ oder „Milch alle“. Dein Kind beginnt, Grammatik im Ansatz zu verstehen. |
Der magische Moment: Das erste Wort
Wann ist ein Wort eigentlich ein Wort? Ich sage immer: Wenn Dein Baby eine feste Lautfolge immer wieder für denselben Gegenstand oder dieselbe Person nutzt. Wenn „Wauwau“ immer den Hund meint, ist das ein riesiger Erfolg!
Interessanterweise sind die ersten Wörter oft stark emotional besetzt oder bezeichnen Dinge, die sich bewegen. „Licht“, „Ball“ oder der Name des Haustiers stehen oft ganz oben auf der Liste. Zu diesem Anlass ist ein besonders schönes Outfit – vielleicht ein kuscheliges Babyset, ein schicker Wollwalk-Overall oder eine süße Jacke für Entdeckungstouren draußen – genau das Richtige für die Erinnerungsfotos.
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Die Wortschatz-Explosion (18. bis 24. Monat)
Hast Du das Gefühl, Dein Kind lernt plötzlich über Nacht zehn neue Wörter? Dann steckt ihr mitten in der Wortschatz-Explosion! Sobald ein Kind etwa 50 Wörter beherrscht, platzt oft der Knoten.
In dieser Phase fängt Dein Kind an, Zwei-Wort-Sätze zu bilden („Auto da“, „Milch alle“). Es ist die Zeit, in der Kinder die Welt benennen wollen. Alles wird mit dem Finger gezeigt und Du wirst oft ein fragendes Gesicht sehen, das auf eine Antwort wartet.
Ab wann sagen Babys eigentlich gezielt „Mama“ und „Papa“?
Das ist wohl die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird! Es ist wichtig, hier zwischen dem Lallen und dem gezielten Benennen zu unterscheiden.
Schon mit etwa 8 bis 9 Monaten purzeln oft die ersten „Ma-ma-ma“-Ketten aus dem Mund Deines Kindes. Das liegt daran, dass Lippenlaute wie „M“, „P“ und „B“ motorisch am einfachsten zu bilden sind. In diesem Alter ist es aber meist noch ein reines Spiel mit den Lauten – Dein Baby freut sich einfach über Deine begeisterte Reaktion!
Gezielt, also wirklich als Name für Dich oder Deinen Partner, setzen die meisten Babys diese Wörter zwischen dem 10. und 14. Monat ein. Du merkst den Unterschied sofort: Dein Kind schaut Dich direkt an, streckt die Ärmchen aus und sagt ganz bewusst „Mama“. Ein Gänsehaut-Moment, versprochen! Wenn es bei Deinem Kind erst mit 16 Monaten so weit ist, ist das übrigens auch völlig im Rahmen. Manche Babys sind kleine Strategen und sagen erst dann etwas, wenn sie sich ganz sicher sind.

Tipp für Eltern: Es klingt fast zu simpel, aber der beste Weg ist die positive Verstärkung. Wenn Dein Kind „ma-ma-ma“ brabbelt, reagiere sofort mit einem Lächeln und sag: „Ja, genau! Ich bin Deine Mama!“ Zeige auf Fotos von Dir oder Deinem Partner und benenne Euch selbst. Babys lieben Gesichter! Wenn Du Dich im Spiegel mit Deinem Baby betrachtest, kannst Du auch dort auf Dein Spiegelbild zeigen und „Mama“ sagen. Das hilft Deinem Kind, das abstrakte Wort mit Deiner Person und Deinem Gesicht zu verknüpfen. Aber bleib entspannt: Der Moment wird kommen, ganz von allein und genau zur richtigen Zeit!
Warum jedes Kind sein eigenes Tempo hat
Vielleicht spricht das Kind Deiner Freundin schon fleißig, während Dein Kind lieber stumm die Welt erkundet? Ich möchte Dir eines ans Herz legen: Vergleiche Dein Baby nicht zu sehr mit dem Nachbarskind. Jedes Kind setzt andere Prioritäten.
- Motorik vs. Sprache: Oft beobachte ich, dass Kinder, die sehr früh laufen lernen, beim Sprechen etwas später dran sind – das Gehirn ist einfach mit dem Laufenlernen voll ausgelastet!
- Geschwister: Manchmal reden ältere Geschwister so viel für das Baby mit, dass das Kleine gar keine Notwendigkeit sieht, selbst schnell zu sprechen.
- Persönlichkeit: Es gibt die kleinen „Beobachter“, die erst lange sammeln und dann plötzlich in ganzen Sätzen loslegen.
So schaffst Du eine sprachanregende Wohlfühl-Umgebung
Du kannst Deinem Kind ganz spielerisch unterstützen, ohne Druck aufzubauen. Das Zauberwort heißt „Corrective Feedback“. Wenn Dein Kind „Dato“ sagt, korrigiere es nicht mit „Nein, das heißt Auto“, sondern bestätige es positiv: „Ja genau, da ist das große, rote Auto!“
- Self-Talk & Parallel-Talk: Erzähle Dein Leben. „Ich ziehe Dir jetzt die gelben Socken an“ (Parallel-Talk) oder „Ich rühre jetzt den Brei um“ (Self-Talk).
- Blickkontakt & Augenhöhe: Geh beim Sprechen in die Hocke. Wenn Dein Kind Dein Gesicht und Deine Lippenbewegungen sieht, lernt es die Artikulation durch reine Beobachtung.
- Weniger ist mehr: Zu viel elektronisches Spielzeug, das selbst spricht oder singt, kann die Sprachentwicklung eher bremsen. Deine echte, lebendige Stimme ist durch nichts zu ersetzen.
- Bücher anschauen: Schon die Kleinsten lieben es, gemeinsam Bilder zu entdecken. Es geht nicht um die Geschichte, sondern um das Benennen der Dinge.
- Richtiges Wiederholen: Wenn Dein Kind „Dauto!“ sagt, korrigiere es nicht streng. Sag einfach: „Ja genau, ein Auto!“ So lernt es die richtige Form ganz ohne Druck.
Wann ist ärztlicher Rat gefragt?
Ich vertraue sehr auf das mütterliche Bauchgefühl. Dennoch gibt es Momente, in denen ein Check beim Kinderarzt sinnvoll ist, um organische Ursachen auszuschließen, z. B.
- Wenn Dein Baby mit 6 Monaten kaum auf Geräusche reagiert.
- Wenn mit 12 Monaten noch gar keine Silbenverdopplungen (dada, baba) kommen.
- Wenn Dein Kind mit 2 Jahren noch keine 20 bis 50 Wörter spricht.
Ein wichtiger Punkt ist das Gehör: Ein unerkannter Paukenerguss (Flüssigkeit hinter dem Trommelfell), der oft nach Erkältungen auftritt, kann dazu führen, dass Dein Baby nur wie „unter Wasser“ hört. Wenn die akustischen Reize nicht klar ankommen, fällt das Nachahmen schwer. Achte darauf, ob Dein Kind auf leise Geräusche aus dem Nebenzimmer reagiert – das ist oft ein gutes Zeichen.
Sprachentwicklung bei Kindern: Warum die ersten 5 Jahre so wertvoll sind
Ich werde oft gefragt: „Wann ist die Sprachentwicklung eigentlich abgeschlossen?“ Die Antwort ist faszinierend: Das wichtigste Zeitfenster öffnet sich mit der Geburt und schließt sich langsam um den fünften Geburtstag. In diesen ersten Jahren ist das Gehirn Deines Kindes wie ein Schwamm, der Strukturen, Rhythmen und Grammatik spielerisch aufsaugt. Ab dem sechsten Lebensjahr wird das Gelernte dann eigentlich „nur“ noch perfektioniert und der Wortschatz verfeinert – ein Prozess, der uns sogar bis ins Erwachsenenalter begleitet.
Mehrsprachigkeit bei Kindern
Wächst Dein Kind zweisprachig auf? Wunderbar! Es ist ein großes Geschenk, zwei Sprachen von Geburt an mit auf den Weg zu bekommen. Auch hier durchläuft Dein Kind dieselben Meilensteine wie ein einsprachiges Kind: Es lallt, es bildet erste Wörter und später Sätze.
Es ist dabei völlig normal, wenn eine Sprache zeitweise „stärker“ ist als die andere. Das hängt oft davon ab, in welcher Sprache gerade mehr gespielt, gekuschelt oder vorgelesen wird. Manchmal mischen Kinder in den ersten Jahren auch Wörter aus beiden Sprachen in einem Satz – das ist kein Zeichen von Verwirrung, sondern ein Beweis für die kreative Höchstleistung ihres Gehirns!
Häufig gestellte Fragen zum Thema ab wann sprechen Babys
Wie viele Wörter muss ein 1-jähriges Kind sprechen können?
Es gibt hier keine feste Regel, da die Spanne riesig ist. Im Durchschnitt sprechen Kinder um den ersten Geburtstag herum 0 bis 3 Wörter (meist „Mama“, „Papa“ oder ein lautmalerisches Wort wie „Wauwau“). Wichtiger als die Anzahl der gesprochenen Wörter ist in diesem Alter das Sprachverständnis: Reagiert Dein Kind auf seinen Namen? Versteht es einfache Aufforderungen wie „Gib mir den Ball“? Wenn ja, ist die Basis gelegt.
Was genau versteht man unter der „Wortschatz-Explosion“?
Die Wortschatz-Explosion bezeichnet eine Phase, in der Kinder plötzlich beginnen, extrem schnell neue Wörter zu lernen – manchmal bis zu zehn neue Begriffe pro Tag! Dieser „Knoten“ platzt meistens, wenn das Kind etwa 50 Wörter aktiv beherrscht, was häufig zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat der Fall ist. Ab diesem Zeitpunkt fangen sie auch an, die Welt mit dem „Was ist das?“-Fragealter zu stürmen.
Sind „Late Talker“ später weniger intelligent?
Absolut nicht! Der Zeitpunkt des Sprechbeginns hat nichts mit der allgemeinen Intelligenz zu tun. Sogenannte „Late Talker“ (Kinder, die mit zwei Jahren weniger als 50 Wörter sprechen) holen diesen Rückstand oft bis zum dritten Geburtstag komplett auf. Wichtig ist nur, organische Ursachen wie Hörprobleme frühzeitig auszuschließen.
Sollte ich „Babysprache“ vermeiden?
Ein klares Jein. Eine übertriebene „Dudu-Sprache“ mit erfundenen Wörtern ist nicht nötig, aber die sogenannte „Ammensprache“ (höhere Stimmlage, langsameres Sprechen, starke Betonung) ist sogar sehr förderlich. Dein Baby liebt diese Melodie – sie hilft ihm, die einzelnen Wörter aus dem Redefluss herauszufiltern. Benutze aber von Anfang an die korrekten Begriffe (z. B. „Hund“ statt „Wauwau“), während Du in dieser liebevollen Melodie sprichst.
Hat Schnullern einen negativen Einfluss auf das Sprechen?
Dauerhaftes Schnullern kann die Zungenbeweglichkeit einschränken und die Mundmuskulatur schwächen, was später zu Artikulationsproblemen führen kann. Begrenze den Schnuller so früh wie möglich auf die Schlafenszeiten. Zum Plappern und Erzählen sollte der Mund „frei“ sein, damit Dein Schatz alle Laute ungehindert ausprobieren kann.




